18 Jan, 2012
Auf Tuchfühlung mit den “Digital Natives” – es gibt Nachholbedarf
Posted by: Tim Krischak In: Beobachtungen
Als Digital Natives werden häufig diejenigen bezeichnet, die mit Computern und Internet aufgewachsen sind. Ihnen wird nachgesagt, dass sie Computertechnologie und auch das Social Web wie selbstverständlich nutzen.
Ich habe sogar schon das Argument gehört, dass Unternehmen jetzt intern Social Software nutzen müssen, weil diese Generation mit Vorliebe auf diese Art und Weise, ja und nur noch so kommuniziere. Und wer in Zukunft noch qualifizierte Mitarbeiter finden und binden möchte, etc., der müsse jetzt unbedingt, bla bla … usw.
Vor kurzem hatte ich Gelegenheit Vertreter der Generation-Internet bei Lichte zu betrachten. Und zwar im Rahmen eines Lehrauftrags an einer Universität. Ich sollte den Studierenden eine Einführung in “Social Media” geben und ihnen zeigen, zu welchem Zwecken man verschiedene Werkzeuge nutzen kann.
Da hat mich natürlich brennend interessiert, welche Tools und Techniken bei den jungen Leuten am weitesten verbreitet sind. Das Ergebnis war ernüchternd.
Von 15 Seminarteilnehmer hatten Accounts
bei folgenden Diensten:
- Facebook: 14 (private Nutzung)
- Twitter: 0 (gar nicht genutzt)
- YouTube: 0 (zum Anschauen von Videos)
- Blogger: 0 (lesen von Blogs =0)
- XING: 0
- Social Bookmarking: 0 (unbekannt)
- Scribd: 0 (unbekannt)
- Slideshare: 0 (unbekannt)
Von den Studierenden wurde Facebook genutzt und das ausschließlich zu privaten Zwecken. Das manche Werkzeuge im Social Web auch für das Studium genutzt werden können, war den Studierenden nicht bekannt. Dabei eignen sich viele der o.g. Dienste doch hervorragend um Informationen zu organisieren, sich auszutauschen und gemeinsam zu lernen.
Ich hatte jedoch den Eindruck, dass die Studierenden noch sehr weit davon entfernt sind solche Tools für das Studium und dann auch “on the job” zu nutzen. Da gibt es eine Menge nachzuholen.
Deshalb finde ich es gut und richtig, dass Institute externe Dozenten holen um diese Lücken zu füllen.
Was mir sonst noch aufgefallen ist
Zwar kannten die Studierenden die o.g. Services nicht, aber sie haben sich sehr schnell bei den neuen Diensten zurecht gefunden.
Und das fande ich schon erstaunlich. Wenn ich Social Media Seminare bei Unternehmen gebe, habe ich es häufig mit Teilnehmern zwischen 30 und 50 Jahren zu tun. Ich habe den Eindruck, dass dieser Gruppe das Handling etwas schwerer fällt. Sie brauchen länger um die Funktionen zu verstehen und sich bei neuen Diensten zurechtzufinden.
Das soll aber nicht heißen, dass die sogenannten “Digital Natives” über einen unaufholbaren Vorteil gegenüber den “Frühgeborenen” verfügen.
Meine Schlussfolgerung
Auch sogenannte “Digital Natives” müssen noch eine Menge lernen. Zum Beispiel wie man die vielfältigen Möglichkeiten des Social Webs sinnvoll in seinen Arbeitsalltag integriert.
(Edit): Es ist ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, dass junge Leute aufgrund ihrer späten Geburt über die nötigen Kompetenzen verfügen um die neuen Technologien verantwortungsbewusst und sinnvoll zu nutzen. Diese Fähigkeit wird niemandem in die Wiege gelegt, sondern man muss sie sich erarbeiten.
Gezielte Weiterbildung kann dabei helfen.
zum Weiterlesen:
Eine Studie untermauert meine Beobachtung. Rolf Schulmeister kam 2009 zu dem Urteil, dass die viel gepriesene Net-Generation überschätzt sei. Hier findet man eine Zusammenfassung zentraler Ergebnisse der Studie “Gib es eine Net-Generation?“. (Danke für den Hinweis @lress)
Jörg Wittkewitz gibt in dem Beitrag “Digital Natives – Gibt es überhaupt eine Generation Internet?” einen guten Überblick über den Diskurs.
Eine jüngere Studie des MMB-Instituts kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Bei der berufliche Nutzung des Web 2.0 ist es mit der Medienkompetenz bei Auszubildenden auch nicht weit her:
“Besonders hohe berufliche Relevanz wird den Kompetenz-Dimensionen ‘Kommunikation und Kooperation’ und ‘Information und Wissen’ beigemessen. (…) Die Hälfte der befragten Experten hält die ‘privat’ erworbenen Kompetenzen für nicht ausreichend.”
Bestandsaufnahme zur Medienkompetenz in Förderprojekten des BMBF (Danke für den Hinweis @glaschwitz)
Markus Neubert hat das Thema aufgegriffen und macht sich in seinem Beitrag Gedanken über Social Media, Digital Natives und Schulen.
Foto: Gideon Burton


