Kommunikation – zweinull


Digitale Kommunikation, Social Media, Beratung & Training

30 Mrz, 2011

Der twitternde Regierungssprecher und die Hauptstadtjournalisten

Posted by: Tim Krischak In: Erlesene Fundstücke|Social Media

Das es um die Social Medien-Kompetenz vieler Journalisten eher schlecht bestellt ist, war schon einmal Thema in diesem Blog.

In der Bundespressekonferenz wurde letzte Woche ein groteskes Stück aufgeführt:

Das Protokoll der Diskussion tauchte bei Thomas Wiegold und wurde von einigen Blogs aufgenommen, bevor Carta das Video bereitstellte und weitere Medien wie Spiegel-Online und Meedia berichteten.

Die Wortmeldungen der Journalisten brachten vor allem eines zu Tage. Und zwar, dass sie überhaupt keine Ahnung haben wer dieser „Twitter“ ist und was er von ihnen will.

Hier eine Kostprobe:

„Ich habe vorhin im Internet nachgeschaut. Es gibt zahlreiche Beispiele für Fälschungen von Schauspielern, so Beispiel Martina Gedeck bis hin zum Dalai Lama. Kann ich davon ausgehen, dass das, was dort getwittert wird, wirklich sicher ist? Das kann ja durchaus Folgen haben.“

Wer sich ein wenig mit Twitter beschäftigt hat, der weiß, dass Benutzernamen bei Twitter nur einmal vergeben werden.

So zum Beispiel auch der Twitter-Name des Regierungssprechers Steffen Seibert. Deshalb sind Twitter-Nachricht im Hinblick auf die Authentizität des Absenders sicherer als E-Mails. Aber ich will hier gar nicht den Besserwisser heraushängen lassen, sondern einige Gedanken im Hinblick auf die Medienkompetenz und Rolle des Journalisten mit Euch teilen.

Die Äußerungen offenbaren ein tiefes Unverständnis gegenüber dem Medium und zeigen, dass erheblicher Nachholbedarf im Umgang mit ihm besteht. Bei Carta meint man, dass dies ein Zeichen für die Verunsicherungen des Berufsstandes sei. Thomas Knüwer fragt provokant, ob Journalisten, die eine solche Geisteshaltung an den Tag legen überhaupt (noch) für diesen Beruf geeignet seien. Eine Frage, die sich gefallen lassen muss, wer sich mit Händen und Füßen gegen die Realität wehrt.

Bedeutungsverlust von Journalisten durch das Social Web?

Aus den Wirtschaftswissenschaften stammt der Begriff „Disintermediation„. Er bezeichnet den Wegfall einzelner Stufen der Wertschöpfungskette durch die direkte Kommunikation der Marktteilnehmer mit Hilfe des Internets. So zum Beispiel beim Direktvertrieb von Musik, Büchern oder auch Informationen.

„Disintermediation beschreibt einen Bedeutungsverlust von … Vermittlern zwischen verschiedenen Akteuren“ (Wikipedia)

Was für Waren und Produkte gilt, muss auch für die Vermittlung von Informationen gelten. Was früher nur durch die Vermittlungsleistungen der Massenmedien möglich war, ist nun auf direktem Wege möglich. Die Nachricht des Regierungssprechers können mit Hilfe des Internets den Bürger direkt und ungefiltert erreichen.

Geht damit ein Bedeutungsverlust der journalistischen Vermittlungsleistung einher? Wohl kaum.
Denn was es nun bedeutet, ob die Bundeskanzlerin eine Reise in die USA antritt oder auch nicht kann Otto-Normalbürger nicht so gut einschätzen wie ein Politikexperte. Zudem dürfte es nur eine recht spitze Zielgruppe von politikinteressierten sein, die den Nachrichten des Regierungssprecher bei Twitter folgt und sie auch wirklich liest. Die breite Masse informiert sich nach wie vor über das Fernsehen.

Dadurch, dass die Regierung mit dem Bürger direkt kommuniziert wird die Rolle des Journalisten noch nicht obsolet. Dennoch reagieren die Journalisten verunsichert und sauer. Denn über Twitter wurde eine Nachricht über die Reisepläne der Kanzlerin verbreitet, bevor die Information über die klassischen Kommunikationswege die Journalisten erreichte. Spätestens jetzt haben diese Journalisten eine Motivation sich näher mit dem Kurznachrichtendienst Twitter zu beschäftigen.

Mangelt es Journalisten an Social Media-Kompetenz?

Bei der Bundespressekonferenz haben sich etwa drei Journalisten zu Wort gemeldet und mangelnde Medienkompetenz demonstriert. Ob dies symptomatisch für einen ganzen Berufsstand ist fraglich. Es gibt Journalisten, die belustigt auf die Abwehrreflexe ihrer Kollegen reagieren. Wahrscheinlich spielt auch das Alter eine Rolle.

Viele Redaktionen nutzen bereits Twitter. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie des IFK Münster. Ein Ergebnis der Studie ist aber auch, dass zwei Drittel der befragten Redaktionsleiter die Social Media Kompetenz ihrer Mitarbeiter als stark verbesserungswürdig einschätzen. In der systematischen Aus- und Weiterbildung bei Journalisten besteht also ein erheblicher Nachholbedarf.

Das sich die Medienwelt verändert ist ja nicht erst seit letzter Woche bekannt. Und das ältere Mitarbeiter Schwierigkeiten haben Dienste wie Twitter zu erschließen ist auch nachvollziehbar. Diese Menschen muss man an die Hand nehmen. Hier ist eine Weiterbildungsmaßnahme angebracht. Da sehe ich vor allem die Arbeitgeber in der Pflicht. Denn schließlich sind auch sie für die Qualität des Endprodukts verantwortlich.

1 Kommentar zu "Der twitternde Regierungssprecher und die Hauptstadtjournalisten"

1 | Gerald BartelsNo Gravatar

April 5th, 2011 at 14:44

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Wenn ich diesen Ausschnitt der Pressekonferenz richtig interpretiere, geht es doch einzig und allein um den Versuch den Regierungssprecher bloßzustellen und aufzuzeigen, dass dessen Twitter Aktivitäten nicht richtig kommuniziert wurden. Es handelt sich also um ein Problem der Metakommunikation. Das dieses recht unprofessionell vom Regierungssprecher angepackt wurde, ist allerdings eine andere Frage. In Bezug auf Social Media sind die aufgeführten Fragen dann doch schon relevant. Das zeigt auch die aktuelle Diskussion um die Frage, ob es sich die NYT erlauben kann, ihr Onlineportal zum Service gegen Entgelt umzubauen.

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Tim Krischak

Tim Krischak

...kommt aus Essen, arbeitet als freier Berater für Digitale Kommunikation und schreibt hier seit 2008 über Kommunikation in der neuen Medienwelt.

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