Kommunikation – zweinull


Digitale Kommunikation, Social Media, Beratung & Training

19 Mai, 2009

Digitaldemenz, Platon und die Speicherungsfunktion von Medien

Posted by: Tim Krischak In: Allgemein

Hin und wieder lese ich auch einmal etwas zur Unterhaltung. So wie neulich, da fiel mir das Buch „Generation Doof. Wie blöd sind wir eigentlich“ von Stefan Bonner und Anne Weiß in die Hände. Meinem Alter nach muss auch ich mich zur „Generation Doof“ zählen lassen. Denn der Begriff der Generation wird ja bekanntlich für Menschen eines bestimmten Lebensalters oder eines bestimmten geschichtlichen Zeitabschnitts gebraucht, selten aber für Menschen denen eine bestimmte Eigenschaft gemein ist.

So habe ich dann auch direkt zum zweiten Teil „Doof it yourself: Erste Hilfe für die Generation Doof“ gegriffen. ;-)

Und die Lektüre hat ihren Zweck nicht verfehlt. Es gibt viele praktischen Tipps wie eine gefährdete Generation den Widrigkeiten des Lebens begegnen kann. Und das Buch ist unterhaltsam geschrieben. Neben vielen schlauen Tipps haben die Autoren natürlich auch etwas Medienkritik im Gepäck. Und zwar beschreiben sie ein Phänomen, dass sie Digitaldemenz nennen.

Dort heißt es:
„Weil du heute auf Handys, PDAs und Laptops so ziemlich alles speichern kannst, angefangen von Telefonnummern über Anschriften bis hin zum kompletten persönlichen Jahreskalender mit allen Terminen und wichtigen Infos, kannst du dir nichts mehr merken.“

Mit anderen Worten: Durch Mediengebrauch verschlechtert sich das Gedächtnis.

Diesen Gedanken finde ich interessant. Nicht etwa weil er besonders originell wäre, sondern weil er über 2000 Jahre alt ist. Es handelt sich um eine Skepsis gegenüber der Speicherungsfunktion von Medien, die schon in einem Text von Platon zu finden ist. In Phraidos oder Vom Schönen, einem Text den man, wie ich finde, durchaus zu den medientheoretischen Klassikern zählen kann, versucht Sokrates Phraidos vom Nachteil der Schrift gegenüber des Gedächtnisses zu überzeugen.

Dort heißt es dann analog:
„O kunstreicher Theuth, ein anderer ist fähig, die Werkzeuge der Kunst zu erzeugen, ein anderer wieder zu beurteilen, welches Los von Schaden und nutzen sie denen erteilen, die sie gebrauchen werden. Ach du sagtest jetzt als Vater der Buchstaben aus Zuneigung das Gegenteil dessen, was sie bewirken. Denn wer dies lernet, dem pflanzt es durch Vernachlässigung des Gedächtnisses Vergeßlichkeit in die Seele, weil er im Vertrauen auf die Schrift von außen her durch fremde Zeichen, nicht von innen her aus sich selbst die Erinnerung schöpft.“

Man erkennt das Muster: In beiden Aussagen schwingt die Angst mit, das Gedächtnis würde verkümmern, da es durch Auslagerung von Informationen nicht mehr genug gefordert würde.

Meiner Erfahrung nach ist es jedoch genau umgekehrt. Seitdem ich mir Dinge, digital oder analog, notiere kann ich mir Dinge viel besser merken. Ich vergesse einfach weniger.

So heißt es dann auch bei Platon weiter:
Nicht also für das Gedächtnis, sondern für das Erinnern erfandest Du ein Mittel.“

Klar, es ist doch wichtiger zu wissen wo etwas steht, als Texte auswendig aufsagen zu können.

3 Responses zu "Digitaldemenz, Platon und die Speicherungsfunktion von Medien"

1 | Lore ReßNo Gravatar

Januar 24th, 2011 at 17:14

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Jein :-)
Anti-Beispiel: Bei vielen Autofahrern verkümmert der Orientierungssinn durch Nutzung des Navi – oder war der bei diesen Menschen (fast hätte ich Männern geschrieben :-)) noch nie da?

2 | No Gravatar

Januar 25th, 2011 at 09:03

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Gutes Beispiel. Wahrscheinlich auch die Fähigkeit Papierkarten lesen zu können.

3 | Bernadette BisculmNo Gravatar

Juni 7th, 2011 at 07:20

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Ja, du hast es auf den Punkt gebracht: Die Kritik an neuen Medien und die Angst davor begleitet uns Menschen wahrscheinlich schon seit Anbeginn der Zeit! Neue Medien verändern unser Denken und unser Verhalten. Das Thema hat mich wie dich beschäftigt. Ist denn die Kritik doof? Social Media – Fluch oder Segen? ist meine Frage. Wer’s interessiert, liest weiter: http://bisculm.com/socialmedia-fluch-oder-segen–3497/

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Tim Krischak

Tim Krischak

...kommt aus Essen, arbeitet als freier Berater für Digitale Kommunikation und schreibt hier seit 2008 über Kommunikation in der neuen Medienwelt.

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E-Mail: tim@krischak.net



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