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Digitale Kommunikation, Social Media, Beratung & Training

27 Nov, 2010

Fehlende Social Media Kompetenz im Journalismus: Was kann man tun?

Posted by: Tim Krischak In: Social Media|Social Media Trends|Veranstaltungen

Vor einer Woche hat der Münsteraner Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger auf dem Journalistentag-NRW die Ergebnisse der Studie „Twitter & Journalismus“ vorgestellt. Wie ich hier bereits geschrieben habe, kommt die Studie zu dem Ergebniss, dass in den Redaktionen ein erheblicher Nachholbedarf in der Social Media-Nutzungskompetenz besteht.

Neben der Vorstellung der Studie gab es bei der Veranstaltung noch weitere Foren zum Thema iPad, Social Media und Journalismus, u.a. mit Sascha Lobo und Mercedes Bunz. Moderiert wurden die Diskussionsrunden von Andrea Hansen und Kai Heddergott. Ich hatte Gelegenheit Kai ein paar Fragen zum Thema Journalismus und Social Media zu stellen:

TK: Einige Reaktionen auf die von Ihnen moderierten iPad-Panels haben gezeigt: Die aktuellen Innovationsthemen nehmen die Journalisten, die im Redaktionsalltag der Gegenwart stecken, nicht immer sofort mit. Passt das zu den Ergebnissen der Twitter-Studie ?

KH: Durchaus. Veränderungängste, in Fleisch und Blut übergegangene Arbeitsabläufe und Gewohnheiten und die Furcht, das Neue könnten den klassischen Journalismus überflüssig machen, führen dazu, dass man sich mit Themen wie Social Media und „iPad-Magazinjournalismus“ nur zögerlich beschäftigt. Das ist menschlich nachzuvollziehen, aus professioneller Sicht nur bedingt. Die Panel-Teilnehmerin Mercedes Bunz brachte es auf den Punkt: „Das sind doch alles Journalisten hier, die müssten doch ein Interesse an der Zukunft des Journalismus haben“. Sie hat dann beim zweiten Durchlauf auch mehr Infos für weniger Informierte geliefert. Den Veranstaltern ist hoch anzurechnen, dass sie diese Jahr die Themen Social Media et al. in den Mittelpunkt gerückt haben – das Interesse war in den Panels dazu am größten. Ängste und Interesse müssen sich also nicht ausschließen. Die Berichterstattung am Montag danach nahm das Themenbündel aus Recklinghausen entsprechend auf.

TK: Die aktuelle Studie des Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Münster hat sich des Themas „Twitter und Journalismus“ angenommen. Eine zentrale Erkenntnis lautet ja, dass Twitter von den Redaktionen zwar genutzt wird – die Kompetenz ihrer Mitarbeiter im Umgang mit Social Web-Diensten allgemein wird aber von über zwei Dritteln der befragten Redaktionsleiter als „stark verbesserungswürdig“ eingeschätzt. Wie lässt sich das erklären?

KH: Das liegt an den Strukturen und Entscheidungswegen im Journalismus, die haben sich auch im Jahre 2010 und unter dem Einfluss des Internet und des Social Web nicht geändert – noch immer nicht, möchte man fast sagen. Und es zeigt sich, dass auch weiterhin die Bereitschaft, die eigenen Mitarbeiter systematisch weiterzubilden, im Journalismus nicht groß ist.

Wir kennen das aus einer anderen Phase des – im doppelten Sinne – technischen Umbruchs. Als Mitte der achtziger Jahre die Redakteure durch die aufkommenden Desktop Publishing- und Ganzseitenumbruchsysteme mehr oder minder gezwungen waren, die Aufgaben anderer Gewerke zu übernehmen, indem sie neben dem Verfassen von Artikeln auch für die Gestaltung ihrer Publikation zu sorgen hatten, waren viele auf sich gestellt – oder mussten learning by doing machen.

Natürlich gab es Fortbildungsangebote der Verlegerverbände – gewerkschaftliche Weiterbildungskurse zum Thema zielten aber viel stärker auf die wirkliche Kompetenzerweiterung der Kollegen und nicht nur auf einen kurzfristigen Qualifikationserwerb.

Das ist heute auch so: Eine konsequente Personalentwicklung in Zeiten des Internet hin zum kompetenten Umgang mit den sich verschränkenden Medienformen und -diensten findet nicht statt. TK: Führt denn der zunehmende Zuspruch für das Social Web auf Nutzerseite nicht zu einer allgemeinen Veränderung? Oder haben wir es vielleicht auch auf der individuellen Ebene mit einem Umbruch zu tun, der nur schleppend in Gang kommt?

KH: Da antworte ich mit einem Beispiel. Das NRW-landesweite Newsportal derwesten.de hat gezeigt, dass sich gerade die „Dickschiffe“ des Journalismus und ihre Mitarbeiter schwer tun, auf den „2.0-Kurs“ umzuschwenken. Als Verantwortliche holte sich der WAZ-Konzern seinerzeit mit Katharina Borchert eine prominente Bloggerin, die den Kollegen in den Redaktionen in der Fläche und in der Essener Zentrale zeigen sollte, wie zeitgemäßer Journalismus im Netz funktionieren kann und auszusehen hat.

Schon früh konnte man bei entsprechender Nachfrage von Frau Borchert Andeutungen erhalten, dass nicht die Technologie oder Konzeption primäre Probleme darstellten  – vielmehr wurde den Verantwortlichen vor Ort schnell klar, dass alte Hierarchien und liebgewonnene Arbeitsabläufe durch die Umwälzung bedroht waren und sie sperrten sich entsprechend dagegen.

Man muss das wissen: Der klassische Print-Kollege kommt um 9.30 bis 10.00 Uhr in die Redaktion und wenn er nicht Spätdienst hat, geht er um 19.00 Uhr wieder – und die wahrgenommenen Termine, über die er berichtet, arbeitet er in der Redaktion ab. Frühestens um 14.00 Uhr kommen daher die meisten dazu, etwas zu schreiben. Kollegen, die für die Online-Redaktion etwa live von der Ratssitzung vor Ort bereits um 11.30 Uhr twittern oder eine erste Fassung per UMTS vom Termin absetzen, müssen völlig anders ticken.

Hier müsste die Personalentwicklung ansetzen und deutlich machen: Durch die Verschränkung Print/Online sind die klassischen News-Angebote deutscher Zeitungen zum Echtzeitmedium geworden. Das verlangt, andere Kanäle zu bespielen und zu nutzen und die entsprechenden Fertigkeiten und Arbeitsweisen dafür zu entwickeln.

Aber auch im Jahre 2010 wird das Netz oft noch als eine reine Spiegelfläche des ohnehin vorhandenen Materials betrachtet. Das Potenzial des Social Web, neue Ziel- und Lesergruppen durch eine stärker am Dialog ausgerichtete Form der Ansprache zu erreichen, ist bislang nur von einer Minderheit im Journalismus erkannt worden. Und entsprechend gibt es keine Konzepte der Personalentwicklung, die daraus resultieren. Aber da gilt es zunächst einmal, individuelle Ängste zu überwinden. Der Journalist Ralf Heimann hat das angesichts des Medienechos auf die Münsteraner Twitter-Journalismus-Studie gut auf den Punkt gebracht.

TK: Was sollte man also empfehlen – sowohl für den Einzelnen als auch für Entscheider?

KH: Eigentlich liegen die Ansätze auf der Hand: Verlage und Redaktionen müssen erkennen, dass die Bedeutungszunahme des Netzes mittlerweile so groß ist und die verstärkte Online-Nutzung so eindeutig auf eine nachhaltige Veränderung verweist, dass die konsequente Entwicklung zum „Journalismus 2.0“ alternativlos ist. Und dass man dafür kreative Konzepte entwickeln muss, die die Kompetenzerweiterung der „Kommunikationsarbeiter“ im Fokus hat – ohne guten, vor allem gut verknüpften Content gibt es künftig keinen Traffic mehr und ohne den keinen Online-Umsatz.

Journalisten, die das Social Web nicht wirklich verstehen, werden es schwer haben und haben es eigentlich schon jetzt – und das hat nichts mit einer Forderung nach zeitgemäßen Kommunikationsformen um ihrer selbst willen zu tun. Ich erwarte aber in der heutigen Arbeitswelt auch, dass der einzelne Journalist sich mehr um diese Themen selbst kümmert. Erst recht angesichts der Tatsache, dass die langjährigen Angestelltenverhältnisse in den Redaktionen zunehmend Geschichte sind und man das Web 2.0 mindestens für das Selbstmarketing einsetzen sollte.

Der Druck, hier Kompetenz aufbauen zu müssen, entsteht also von mehreren Fronten von selbst. Der Chefredakteur der Rhein-Zeitung, Christian Lindner, hat bei der Diskussion der Twitter-Studie beim Journalistentag NRW erklärt, wie er mit der Frage um die Kompetenzen und die nötige Weiterbildung umgeht: Er stellt keinen Nachwuchs mehr ein, der nicht nachweisen kann, einen Blog zu haben, bei Facebook aktiv zu sein oder regelmäßig Tweets abzusetzen – er ist der Meinung, Menschen Mitte Zwanzig mit dem Berufsziel Journalismus müssten das heute können.

Da gebe ich Lindner recht – die Verantwortung, professionelles Wissen hierzu aufzubauen, in eine vorberufliche Phase abzudrängen, halte ich aber für falsch, das darf es alleine nicht sein.

Wünschen würde ich mir, dass etablierte Einrichtungen der journalistischen Weiterbildung zeitnah den Dialog mit Social Media-Experten suchen, um gemeinsam wirklich nachhaltige Fortbildungskonzepte zu entwickeln, die sich nahtlos in bestehende Curricula einreihen. Mit dem Ziel, dass Journalismus 2.0 die Erfahrungen und Kompetenzen im Sinne eines „best of both worlds“ vereint – und vor allem den Nutzer im Mittelpunkt sieht. Dann wird der Journalismus auch im Netz eine nachhaltige Chance haben.

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Tim Krischak

Tim Krischak

...kommt aus Essen, arbeitet als freier Berater für Digitale Kommunikation und schreibt hier seit 2008 über Kommunikation in der neuen Medienwelt.

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